Mastbetriebe + Handschellen

Noch drei Wochen, bis der Führerschein wieder frei gegeben ist. Öffentlicher Nahverkehr mag praktisch sein, aber täglich braucht niemand das Bad in der Masse, ganz zu schweigen von der olfaktorischen Melange aus zu viel Parfüm und zu wenig Körperreinigung.

Als Mitarbeiter der Mordkommission und ehemaliger Profi-Wrestler legt Kottke privat sehr viel Wert auf Sauberkeit und dezente Gerüche. Mag seine Nase auch mehrfach gebrochen sein und Gottfried-John-mäßig im Gesicht kleben – die diversen verunglückten Crossface Chickenwings und Chokeslams hat sie ebenso überstanden wie die Facebusters und den einen oder anderen Zwischenfall bei Verhaftungen. Die Geruchssensorik arbeitet zuverlässig, Tendenz hypsersensibel, und damit beschert sie Kottke im Berufsalltag nach wie vor ebenso viel Elend wie im Privatleben.

Eigentlich müsste er bei der Kripo kündigen. Irgendwo hinziehen, wo es weder Menschenmengen noch Mastbetriebe gibt und sich weiträumig fernhalten von Gelegenheiten zur Anbahnung und Ausführung von Beischlaf.

Andererseits weiß Kottke spätestens seit seinem vorzeitig abgebrochenen Versuch, eine Pfirsich-Plantage im taiwanesischen Hochland zu bewirtschaften, dass er nicht taugt fürs Eremiten-Dasein. „Früchte und Erkenntnis“ hatte die 4-wöchige Erlebnisreise versprochen, die ihm Laura damals geschenkt hatte.

Nicht zu Weihnachten, versteht sich. Wie es sich für Sinologinnen mit Esoterik- und Weise-Frauen-Touch gehört, hatte sie ihm den großen Umschlag zum Beginn des neuen Mondjahres geschenkt und ihm Bedeutungsvolles ins Ohr geraunt dabei.

LAURA. Um Himmelswillen, jetzt bloß nicht an Laura denken! Und an die, die auf sie folgten, gleich dreimal nicht. INTERNETDATING. Auch so eine Gewohnheit, die er dringend mal ablegen müsste. Genauso wie das Rauchen, Kartoffelchips essen und das Mithören von Konversationen fremder Menschen.

 --Mal ehrlich, .Jenny. Die betrügen uns doch von vorne bis hinten, die streuen uns doch Sand in die Augen wo wir gehen und stehen...

Die Gespräche an der Bushaltestelle waren auch schon mal lustiger. Vielleicht sind die beiden arabisch aussehenden Jungen da vorne ja besser drauf. Kottke langt in seine Tasche und schaltet den Universalübersetzer ein.

-Keine Ehre. Das sind nicht meine Brüder. Deine auch nicht. Mit diesen Towel Heads haben wir nichts zu schaffen.

Kottke seufzt, schaltet den Universalübersetzer aus, seine aktuelle Lieblingsplaylist ein und summt ein bisschen mit. „... through the maze through the maze through the meyyyyze...“.

Der Einhundereinser Bus ist proppenvoll. Schulschluss. Verdammt. Daran hätte er denken können. Und ausgerechnet jetzt gibt der Akku den Geist auf. Wird dann wohl als die übliche Dosis Volksnähe heute.

-- Nu quatsch hier mal keine Romane.
-- Aber ich bin doch die Ganeesha Bombeck...
--Na super. Und Du machst es anders als all die anderen Mädchen, hab ich schon verstanden. Ist aber immer so. Erst tolle Tricks versprechen und im Bett dann liegen wie’s Rosenresli. Brauch ich nicht, brauch ich echt nicht...

Wenn ich vor 20 Jahren schon so abgeklärt gewesen wäre wie dieser 17, 18-jährige Bursche hier, hätt ich mir eine Menge Stress und Geld gespart, denkt Kottke. Damals, als ich den Sex noch liebte...

Plötzlich fällt ihm wieder ein, warum es ihn in den letzten Jahren immer wieder zu den Profilen von Partnersucherinnen gezogen hat, die sich Melisande oder Glückszauberfee nennen. Mädchenhafte, zarte Geschöpfe mit nichts als Schönheit im Sinn, Göttinnen der kleinen Dinge und märchenumwölkter Tage...

Dass Glückszauberfee32, die eigentlich Anja hieß, Notfallchirurgin war und im Hirn nur geringfügig weniger weich als ihre Vorgängerin Unicorndream (eine Verwaltungsfachangestellte namens Ruth, die sich der weißen Magie verschrieben hatte) oder Arielle (die ihre Eltern tatsächlich so getauft hatten und die, vielleicht weil es sich für kleine Meerjungfrauen so gehört, immer ein wenig nach Hering roch) , jaja, das hätte er früher erkennen können.
Aber hey, die Welt will nun mal betrogen sein und Kottke war, nicht zuletzt aufgrund seiner beruflichen Laufbahn, nicht nur ein Meister nachhaltiger Illusionierung, sondern auch der Selbstverleugnung. Vor allem wenn es um so wesentliche Fragen ging wie harmonische Zweisamkeit und eskapistische Freuden.

Irgendwann um die Mitte der Nullerjahre herum, hatte er einfach genug gehabt von den durchchoreographierten Begegnungen zwischen selbsternannt versatilen Sexmaschinchen, den Pflicht- und Kür-Fickprogrammen, den BDSM- und sonstigen Rollenspielen; genug von polyamourösen Gewusel, genug vom verbalen und körperlichen Originalitätszwang zwischen Tisch, Bett und anderen Austragungsorten zwischengeschlechtlichen Austauschs. Irgendwann hatte er die Textzeilen von Devo als Dauerschleife im Kopf. „... something about the way taste makes me want to clean my mouth...“ Höchste Zeit also, sich neu zur orientieren.

Sanftheit. Süße. Summerwine. Magisch, mysteriös und der harschen Welt entrückt. So hatte es Kottke damals in sein Suchprofil geschrieben...

Acht Jahre Glückszauber und eine selbstverordnete Auszeit später war er wieder im Spiel. Heute würde er Anna-Lisa zum ersten Mal zuhause besuchen.

„...Überraschung“, kiekste Anna-Lisa und klimperte mit einem Paar Handschellen vor Kottkes Gesicht herum, kaum dass die Weingläser gefüllt waren.

Ihr Bett würde eine moderne Variante des Modells „Jailhouse Fuck“ sein; ihr Sortiment an Sexspielzeugen würde sie aus einem echten 60er oder 70 Jahre Sitzpuff hervorzaubern, da war er sich fast sicher. Katzen würden an Türen kratzen. Und spätestens morgen früh würde er irgendwo ihren alten Steiff-Teddy sitzen sehen.

Kottke trank aus und ging.

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