Hasenherz + Jahresabschluss


Manchmal, wenn er an Schaufenstern entlang ging, hielt er kurz inne und betrachtete die Spiegelung seiner Erscheinung. Erschrak erwartungsgemäß, wandte den Blick ab, zwang seine Nacken- und Gesichtsmuskeln zur Entspannung und lief schnell weiter.

Seit knapp zwei Jahren war es ihm wieder wichtig, unbedrohlich und ansprechbar zu wirken. Sicher, die eingegrabenen Nasenmundfalten würde er nicht mehr rückgängig machen können, aber mit etwas Übung würde es ihm vielleicht gelingen, die Daueranspannung seines Kiefers zu lösen.

Die Zeit des Zähnezusammenbeissens war definitiv vorbei. Doch was Teile des Gehirns längst wussten, war im großen Rest des Körpers noch immer nicht so recht angekommen. Sterner und Wallberg waren raus. Prinz Hasenherz würde ihn gewiss nie wieder jemand nennen.

Die Manipulationen am letzten Jahresabschluss und den acht davor hatten ihn Nerven, eine gesunde Leber und fast sein gesamtes Sozialleben gekostet. War es das wert gewesen? Zweifel überkamen ihn vor allem abends, wenn er vor dem Bildschirm saß und mit sich selbst darüber spottete, unter welchen Bedingungen menschliches Fleisch mit der Textilbespannung von Schreibtischstühlen oder Sofas verwachsen kann... 

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