Kruppstahl + Rasierpinsel

*Eine Reizwortgeschichte
Kortmann ist verkatert. Pochender Kopfschmerz, Schwindelgefühl beim Aufrichten im Bett, Gleichgewichtstörungen beim Gang ins Bad. Um 10:30 Uhr soll er auf der Kundgebung am Willy Brandt-Platz sprechen. Nur eine Stunde, um halbwegs auf den Damm zu kommen. Zwei Aspirin und einige Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Fenster öffnen, tief durchatmen. Wasserflasche suchen.

Offenbar hatte er gestern eilig gehabt ins Bett zu kommen. Jacke, Hose, Unterwäsche und Socken liegen quer im Hotelzimmer verstreut. Die Aktenmappe ist vor der Badezimmertür gelandet, die Literflasche  Wasser neben dem kleinem Sofa. Kortmann trinkt in großen, gierigen Schlucken, mit der linken Hand stellt er den Fernseher an. Frühstücksendungen schaut er ausschließlich bei Hotelaufenthalten, sie gehören zu Geschäftsreisen wie der Tomatensaft, den er außerhalb von Flugzeugen nie trinkt.
Lola-Bar, reichlich Bier und Korn, hässliche Kompromisse und jetzt dieser Zentner schwere Kater. Aber was tut man nicht alles für die Tarifruhe. Gewerkschaftler wie Geisenbach sind nun mal so gestrickt. Mit den wichtigen Botschaften rücken sie frühestens vor dem dritten Herrengedeck heraus. Lebern und Nieren aus Kruppstahl -- wenn es die zu kaufen gäbe, wäre ich ganz sicher der erste in der Schlange. Kortmann kramt seinen Kulturbeutel aus dem Trolley und geht, immer noch leicht schwankend, ins Badezimmer. Gottlob ist die Dusche geräumig und hat stabile Haltegriffe. Zehn Minuten Kalt-Warm-Brausen sollten genügen, um den Kreislauf zu stabilisieren.
Wird Zeit für einen neuen Rasierpinsel, denkt Kortmann, als er sich wenig später Wangen, Kinn und den oberen Hals einschäumt. Immer diese losen Dachshaare im Gesicht. Der Griff wird auch langsam brüchig. Kein Wunder eigentlich, nach 15 Jahren. Was hält heute schon noch so lange? Ehen ganz sicher nicht. Wie lange ist Marion jetzt weg? Fünf oder sechs Jahre? Egal, es gibt keinen Grund mehr, auch keinen anders-sentimentalen, dieses zerfallene Ding noch länger zu benutzen. Morgen, spätestens aber am Wochenende kommst Du in die Tonne, sagt Kortmann zum Pinsel, bevor er ihn sorgfältig ausspült... 
Der Nachrichtensprecher verliest die neuen Zahlen der Agentur für Arbeit. Kortmann dreht sich zum Bildschirm um und fühlt Magensäure aufsteigen. Schräg unterhalb des Fernsehapparats liegt eine rote Damengeldbörse auf dem Teppichboden…
* Reizwortgeschichten basieren auf zwei Wörtern, die formal und inhaltlich erst einmal keinen Zusammenhang haben, genauer gesagt auf zwei Begriffen, die mir Andreas Raum seit Anfang Dezember 2010 an fast jedem Abend per SMS zuschickt. Manchmal kommen die Begriffe auch von anderen Freunden. Meine Aufgabe besteht darin, mir noch am selben Abend eine kleine Geschichte oder Skizze auszudenken, in der die jeweiligen Begriffe vorkommen. Den so entstehenden aktuellen Kurztext schickt Herr Raum dann an einen Verteiler interessierter Leute. Je nachdem zu welchem Zeitpunkt seine "Abonnenten" in den Verteiler eingestiegen sind, kennen sie drei, zwölf oder alle der rund 50 bisher geschriebenen Reizwortgeschichten. Einige der Leser wünschen sich eine Art Archiv, und so sollen hier nach und nach alle bisherigen Texte aus der Reihe erscheinen. Die jeweils aktuellste Geschichte gibt es weiterhin per E-Mail. Bei Interesse genügt eine Nachricht an a.raum@gmx.net.


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