Domkeller + Haushaltsauflösung

* Eine Reizwortgeschichte
Die alte Dame am Ecktisch trank Cognac. Den dritten Doppelten innerhalb einer halben Stunde. Zwar zitterte sie noch und ihr teuer frisierter Kopf wackelte ein wenig wie der von Katherine Hepburn in ihren letzten Rollen, aber immerhin hatte ihre Gesichtsfarbe inzwischen von Fahlgrau auf das gewechselt, was man anderswo vornehme Blässe nannte.
„Dame und Domkeller, das passt nicht zusammen, und vornehme Blässe gleich drei mal nicht“, dachte Annika. Seit sie hier vor knapp einer Woche als Servicekraft angetreten war, hatte sie fast ausschließlich Solarienopfer gesehen, und auch für die wenigen Gäste ohne Broilerbräune wäre vornehm die gegenteiligst zutreffende Beschreibung gewesen.Als Privatperson hätte Annika wohl nie einen Fuß in diesen Laden gesetzt, der für Mischgetränke mit viel Rum, Ballermann-Musik und Wettbewerbe wie 'Miss Domnippel' bekannt war.

Als Kundin der ARGE hatte sie jedoch keine Wahl. Nicht wenn die Alternative hieß, für einen Hungerlohn wieder als Hilfskraft dieser Firma zu arbeiten, die sich auf Haushaltsauflösungen im Auftrag der Stadt spezialisiert war. "Der Boss würde Sie ja gerne wieder nehmen", hatte die Sachbearbeiterin beim Amt gesagt, "aber wenn Sie nicht partout nicht wollen...". 
Die Leichen hatte sie zwar niemals zu Gesicht bekommen, aber den Verwesungsgeruch in den Wohnungen würde sie ihr Lebtag nicht mehr aus der Nase bekommen. Gekündigt hatte sie nach Sichtung der Zweiraumwohnung eines Witwers namens Kellerhoff, der offenbar zwei Monate tot in seiner Küche gelegen hatte, bevor einer der Nachbarn bei der Hausverwaltung anrief, um sich über Ungezieferbefall zu beschweren.

Der Gestank, die Ärmlichkeit der Habseligkeiten und vor allem diese Truhen voller Dias und Photos hatten ihr noch Monate später Albträume verursacht.

Ob die alte Dame alleine lebte? Hatte sie Angst, von der Welt unbemerkt umzufallen und aus dem Leben zu gehen? Saß sie deshalb hier und gab sich die Kante?
„Siehst Du die Alte am Ecktisch? Die hat grad den vierten Cognac bestellt. Sollen wir ihr den geben? “ , fragte sie Bruce, der eigentlich Detlef hieß und bei der Arbeit an der Theke gerne von seiner Zeit als Animateur auf Ibiza erzählte. „Nee nee Annikaschätzchen, da mach Dir mal keine Sorgen. Das ist die Seniorchefin, die kommt einmal die Woche längs und steckt ordentlich was weg…“

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