Thiele + Strassenstrich + Intendant + Haushaltslage

* Eine Reizwortgeschichte mit Begriffen von Astrid P. aus B.

Hin und wieder sehnte sie sich nach Kindern, gemächlichen Sonntagnachmittagen mit gedecktem Apfelkuchen, Familienstreiterei und kleinen Schlachten mit selbst geschlagener Sahne. Die wären mit Sprühsahne zwar wesentlich zielgerichteter zu führen, aber erstens war es ihre Phantasie und in der war kein Platz für Sprühsahne, und zweitens machten Schlachten mit Löffeln einfach die schönere Schweinerei.

Ella Thiele seufzt, legt eine dünne Lage Make-Up nach und wendet sich der Perückenfrage zu. Die blonde Langmähne und Pamela vielleicht. Oder war heute ein Tag für Amélie und den schwarzen Pagenkopf? Während sie die eigenen Haare unter das enge Netz zwängt, sprotzen Erinnerungsfragmente auf wie kleine Lavafetzen: Opa Lemper, den sie heimlich den kleinen Drakon nannten. Der alle vierzehn Tage Punkt 12:30 Uhr zum Sonntagsessen kam und stets auf einer leichten Gemüsesuppe, einen gutem Braten mit Beilagen und einer Auswahl an Puddings und Früchten bestand, und zum Nachmittagskaffee auf trockenen Kuchen und Obsttorte. Ein Meter einundsechzig Zentimeter geballte Bosartigkeit. Mutter im Stress... Immer zwischen Tränen und Wutausbruch, immer vergeblich bemüht, Opa Lemper zufriedenzustellen. „Das soll Sahne sein, Caecilia? Dieses Gelabber? Selbstgeschlagen? Hatt's für die Konditorei mal wieder nicht gereicht? Hier ist ein Fünfer, schick das Kind los!“  Claasen. Bäcker und Konditor. Das Neonschild in blass-blauer Schreibschrift; Pralinen, Makronen und Kekse in quadratischen Glaskästen, deren dünne Klappdeckel mit Silber eingefasst waren. Der lange dunkle Holztresen, der sich wie ein liegendes S durch den ganzen Laden zog, die vielen Torten, der Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen, von Vanille, Schokolade und frischer Sahne.Oma Claasen... Das riesige Glas mit den kleinen quadratischen Kinderkaubonbons, aus dem sie immer reichlich verschenkte, bis sie eines Tages tüddelig wurde und nicht mehr hinter die Theke durfte...

Was ist das eigentlich für ein Weltenplan, der Menschen mehr als ein Drittel ihrer Zeit krank und kaputt am Leben erhält? Wer denkt sich sowas aus? Ella Thiele flüstert ihrem Spiegelbild zu, während sie sich die Augenbrauen nachzieht. Für den Straßenstrich wärst Du inzwischen auch zu alt. Für weniger als Mitte 40 gehst Du selbst in der Amélie-Aufmachung nicht mehr durch, Ellaschätzchen. Obwohl, Heidestrasse ginge vielleicht noch. Auf die schlechte Beleuchtung da ist Verlass. Taubert sagt, dass es bis zur Gentrifzierung der Gegend noch ein Weilchen dauert und bis dahin investiert die Stadtverwaltung nichts. Im schummerigen Licht der BerlinIntim-Campingbusse machen ein paar Hängepartien mehr oder weniger wahrscheinlich sowieso keinen Unterschied. Und Stammkunden wie Taubert oder der Indendant kämen ja ohnehin nicht wegen fester Schenkel, ordentlichem Geblase oder Lederpeitschenspielchen, sondern zum Reden.

So jetzt ist es aber mal gut mit Phantasien über Paralellwelten! Stammkunden erfinden, geht's noch? Ella ruft sich zur Ordnung und bindet sich ein schwarz-weiß gepunktetes Seidentuch um den Hals. Ausserdem, was weisst Du schon über den Straßenstrich, Du alte Kulturtrusche?  Aber ganz im Ernst und Hier & Jetzt -- Taubert und den Indendanten könntest Du eigentlich mal miteinander bekannt machten. Taubert hat Geld und Ideen und der Indendant eine Haushaltslage, die mit klamm mehr als höflich beschrieben ist. Ja, warum eigentlich nicht? Ist sowieso Zeit, mal wieder etwas Gutes zu tun, Frau Thiele...

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