Herrengedeck - Pulverisierer

*Eine Reizwortgeschichte


Patschky war Realist. Die „Rote Laterne“ war Geschichte, egal was Abramowitsch sagte. Für den bestand das bestmögliche Herrengedeck aus Becks, Wodka und drei Minuten Schoßgeschubber mit gelangweilten Litauerinnen.

„Knapp kalkulierter Lapdance freut jeden Kunden“, davon war Abramowitsch noch immer überzeugt, signalisierte inzwischen jedoch zumindest Bereitschaft zu Zugeständnissen bei der Gestaltung der Räumlichkeiten.

Die wenigen verbliebenen Stammkunden vermissten die plüschige Schwülstigkeit, die altmodische Boudoir-Stimmung, das gepflegt gezapfte Bier, die sauber gemixten Cocktails und die gedämpfte Beleuchtung der alten Bar, in der fast jedes Mädchen begehrenswert und im Idealfall geheimnisvoll gewirkt hatte. Durchreisende Spesenritter aus den Hotels der Nachbarschaft störten sich weder an der einfallslosen Einrichtung der neuen Roten Laterne, noch klagten sie über die einheitliche Optik der gut ausgeleuchteten, mageren Baltinnen mit Ballonbrüsten. Aber solche Gäste kamen einfach nicht genug, seit Firmen selbst ihren mittleren Chargen das Reisen weitgehend untersagten und sie stattdessen zu Videokonferenzen zwang.  Abramowitsch hatte sich gründlich verschätzt, und nun stand er unter Druck.

Patschky war von Anfang an dagegen gewesen, das Versicherungsgeld für die abgefackelte Bar ausgerechnet in einen Neubau im Gewerbegebiet zu investieren. Aber in dieser Frage hatte ihn die Familie ebenso überstimmt wie bei der Einsetzung von Abramowitsch als Geschäftsführer. Dem Abriss der Ruine hatte er wie viele andere Herren aus sicherer Entfernung zugeschaut. Als der Pulverisierer seine Zähne in die brandgeschwärzten Mauern rammte, war ihm kurz so, als würde dort ein Stück von sich zermalmt, und er war nicht der einzige, der sich verschämt eine Träne aus dem Auge wischte...

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