Wäscheleine + MP3 Spieler

 *Eine Reizwortgeschichte

Auch in der Kunst läuft nicht alles von allein, rund und reibungslos. In vier Tagen sollte die Ausstellung eröffnen und noch immer fehlten mindestens drei Arbeiten. Roderich fluchte. Diese Affäre mit Emma kostete ihn einfach zuviel Zeit und Energie. Jetzt würde er hudeln müssen, und wenn er eines hasste, dann war es Hudelei.

Die Stahlkocher-Installation würde er sicher noch hinbekommen. Den Schutzanzug hatte die kleine Wang zwar erst gestern ausgegossen, aber mit einigen im Raum verspannten Seilen würde kaum auffallen, dass das Ding nicht komplett ausgehärtet war. Dazu eine dicke Hanfwäscheleine um den Hals der Figur und ab dafür. Ob er wohl Fredies „Mir doch egal was der Künstler will“ Stempel verwenden durfte? Roderich griff zum Telefon.

„Komm Alter, jetzt stell Dich nicht so an“, keuchte Fredie zwischen zwei Hustenanfällen. „Klar kannst Du den Stempel-Spruch nehmen, aber in 1 Meter fünfzig hohen Buchstaben ist das ziemlich albern, und kleiner bringt Dir das in der Fläche nichts. Wie wär’s denn mit was auf dem Boden, das Betrachter auf Abstand hält…“

Auf dem Boden? Roderich merkte, wie seine Schultern langsam entspannten. Irgendwo musste noch eine Kiste mit alten MP 3 Spielern stehen, die Mini-Dampfwalze funktionierte auch noch und die kleine Wang war eine Meisterin im Basteln improvisierter Fernsteuerungen... „Okay, jetzt hab ich’s. Wir walzen Ipods in kleine Stücke, auf 3x3 Metern, mitten im Raum. Und darüber dann noch eine Wäscheleine, an der 10 kleine schwarze Transistorradios baumeln“, rief er ins Telefon.

„Guter Junge! Das geht glatt durch als Konsum- und Kommunikationskritik“ krächzte Fredie und hängte Roderich ab….

*
 Reizwortgeschichten basieren auf zwei Wörtern, die formal und inhaltlich erst einmal keinen Zusammenhang haben, genauer gesagt auf zwei Begriffen, die mir Andreas Raum seit Anfang Dezember 2010 an vielen Abenden per SMS zuschickt. Zuweilen kommen die beiden Reizwörter auch von anderen Menschen. Meine Aufgabe besteht darin, mir noch am selben Abend eine kleine Geschichte oder Skizze auszudenken, in der die jeweiligen Begriffe vorkommen. Eine thematische Absprache gibt es nicht. Ich schreibe einfach auf, was mir zu den Reizwörtern gerade so einfällt.

Den so entstehenden aktuellen Kurztext schickt Herr Raum dann an einen Verteiler interessierter Leute weiter. Je nachdem zu welchem Zeitpunkt seine "Abonnenten" in den Verteiler eingestiegen sind, kennen sie drei, zwölf oder alle der rund 70 bisher geschriebenen Reizwortgeschichten. Einige der Leser wünschen sich eine Art Archiv, und so sollen hier nach und nach alle bisherigen Texte aus der Reihe erscheinen. Die jeweils aktuellste Geschichte gibt es weiterhin per E-Mail. Bei Interesse genügt eine Nachricht an a.raum@gmx.net

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