Lüftungsschlitz - Vogelbauer


* Eine Reizwortgeschichte

Am frühen Morgen fiel ihm das Atmen immer besonders schwer. Als wäre der neue Tag ein Schwergewichtsboxer, der ihm rittlings auf dem Brustkorb saß und ihn mit Fäusten traktierte. Manchmal hatte er das Gefühl, als gäbe es eine direkte Verbindung zwischen seinen Lungen und den Lüftungsschlitzen der benachbarten Spinnerei, die winzige Fasern in seine Bronchien blies.
 
Zwischen Aufwachen und Aufstehenkönnen vergingen gewöhnlich mehr als sieben Minuten, in denen sein Körper vom Husten geschüttelt verkrampfte. Wenn er sich schließlich mit gebeugtem Rücken und schmerzenden Nieren leicht röchelnd Richtung Toilette schleppte, galt sein erster Blick meist dem hölzernen Vogelbauer und dem Kanarienvogel darin.


Später am Morgen würde er den Vogelbauer in den Veteranenpark tragen und dort an einen Ast hängen. Heute würde er vielleicht endlich wieder einige Partien Schach im Freien spielen können. Gerüchten zufolge hatte sich die Verwaltung endlich dazu durchgerungen, neue Figuren anzuschaffen. Alt sein, allein und zu arm für ein eigenes Schachbrett - für ihn war das die schlechteste aller denkbaren Varianten. 

Aus den Lautsprechern der Spinnerei quäkte die Stimme der Vizedirektorin herüber. Wie jeden Morgen rief sie die Belegschaft zu Appell und Gruppengymnastik. Ning Xiaohong. Du Pest meines Lebens! Zwar hatte sie ihm nach seiner Rehabilitierung zu der kleinen Wohnung hier auf dem Werksgelände verholfen, aber was war das schon, wenn man die zehn Jahre bedachte, die er ihretwegen als Häftling und Zwangsarbeiter verbracht hatte...

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