Weyrings Weihnacht

Eine Reizwort-Geschichte aus Berlin. Für Christian Kaiser.

Johannes Weyring hatte schlechte Laune. Eine, die sich über alles legt und nichts mehr gut sein lässt. Du kennst sie sicher, diese Sorte von düsterer Stimmung, bei der Du am liebsten die ganze Zeit schreien und um Dich schlagen möchtest, selbst wenn die Leute freundlich zu Dir sind, oder gerade dann.

„Weihnachten fällt aus dieses Jahr“, hatte Johannes Vater gebrüllt und war aus dem Haus gerannt. Rebecca hatte daraufhin fast eine Stunde auf dem Sofa gelegen, geweint und kein klares Wort heraus bekommen. Dann plötzlich hatte sie einen Entschluss gefasst, der für Johannes nichts weniger als Hausarrest bedeutete. Ausgerechnet heute, wo er mit Flo zum Konzert wollte.

„Du passt jetzt auf Milla auf, Joey! Ich muss weg. Keine Diskussion!“ Nach dieser knappen Ansage hatte sie hektisch nach Mantel, Mütze und Handtasche gegriffen, und hätte der kleine Hosenscheißer nicht  „Mama, Pantoffel...“ gekräht, wäre sie wohl in ihren Filztretern aus dem Haus gelaufen und nicht in die schwarzen Stöckelschuhe gestiegen.

Diese Filztreter hatten sie jetzt alle. Rebecca hatte sie Sommer bei einer Leistungsschau für alpine Steinschafe in Oberbayern gekauft.  An einem der wenigen, wirklich guten Tage da in den Bergen bei Oma Anna. Urlaub mit der ganzen Familie und dem Hund -- langweiliger ging’s eigentlich gar nicht. Der einzige Lichtblick war Jule.

Jule war schon 15 und kannte sich aus mit Tieren; mit Katzen, Hunden, Ziegen, Enten und eben auch mit alpinen Steinschafen. Wie sie die gestreichelt hatte, und wie schön sie dabei ausgesehen hatte… Übermorgen, spätestens aber am zweiten Feiertag würden sie wieder nach Oberbayern fahren. Ob Papas Ausbruch vorhin wohl bedeutete, dass die Reise flachfiel und er Jule doch nicht sehen könnte? Johannes ging in sein Zimmer, knallte die Tür zu, schloß zweimal ab und schaltete seinen Computer an. Milla, die kleine Kröte! Soll sie doch machen, was sie will. Interessiert mich null! Aliens abballern oder Ritter oder Mütter, genau danach war ihm jetzt.


Rolf Weyring saß nun schon drei Stunden in der Ringbahn. Starrte aus dem Fenster, ohne wahrzunehmen, ob der Zug gerade in Schöneberg, im Wedding oder sonst wo hielt. Die kleine Diebesbande, die alle paar Haltestellen immer mal wieder seinen Waggon durchkämmte sah er ebenso wenig wie die Verkäufer der verschiedenen Obdachlosenzeitungen, die immer denselben Text leiernd um eine kleine Spende baten. Die Trinker, die Touristen, die Tratscher, die Selbgesprächigen, die Schimpfer, die verbissen Lesenden, die Hundepunks, die Verliebten, die Handyschreier, die Musikbettler -- Rolf sah und hörte keinen davon. Er musste nachdenken. Dass er das ausgerechnet im öffentlichen Nahverkehr und nicht in einem seiner Stammlokale tat, war weniger Zufall als sein Wunsch, bei diesem Denken niemanden zu treffen, der ihn kannte.


Nicht nur, dass es jetzt definitiv doch keinen Cent Weihnachtsgeld geben würde. Damit hatten sich einige der geplanten Geschenke ebenso erledigt wie das Stopfen der Kontolücken, von denen Rebecca nichts wusste. Dann allerdings hatte der Betriebsrat noch durchblicken lassen, dass die Geschäftsleitung darüber nachdachte, Rolfs Abteilung zu schliessen, wahrscheinlich bereits Mitte nächsten Jahres.  „Outsourcing, das machen doch jetzt alle“, hatte der alte Koslowski lapidar gemeint, „wer jetzt keinen Plan B in der Tasche hat, muss sich warm anziehen. Kommt ein Mann zur Arge, so fangen böse Witze heute an….“

Arbeitslos. In seinem Alter. Die Schulden. Das unbezahlte Haus. Wie solche Geschichten ausgehen, weiß man doch. Beim Gespräch mit Koslowski hatte sich Rolfs Magen angefühlt wie Stein gewordene Panik. Verabschiedet hatte er sich dann aber trotzdem  mit einem coolen „Kommt Zeit, kommt Plan B“. Aber da hatte er ja auch noch nichts gewusst von Rebeccas Plänen und dem neuen Kind.


Rebecca Weyring zog nervös an einer Zigarette. Rolfs Stammlokale zwischen Chausseestrasse und Volksbühne hatte sie bereits abgeklappert. Wo steckte der Kerl bloß? Ging nicht ans Handy, reagierte weder auf SMS noch Mails. Zugegeben, ein zweites gemeinsames Kind hatte nicht wirklich auf dem Plan gestanden. Aber kategorisch ausgeschlossen hatten sie weiteren Nachwuchs auch nicht. Was kommt, das kommt. Darin waren sie sich doch immer einig gewesen. Auf das Ultraschallbild heute hatte Rolf reagiert, als sei sähe er den leibhaftigen Teufel.

Und dann dieses Davonrennen. War doch sonst nicht seine Art. Herumschreien, Fluchen, markige Sprüche, klar. Aber gewöhnlich kam er schnell wieder herunter und diskutierte die Dinge aus. Und mal ehrlich, was war so schlecht an der Idee, Milla am Weihnachtsabend ein neues Geschwisterchen quasi als Geschenk des Christkinds anzukündigen und ihr symbolisch eine Babypuppe in den Arm zu legen?

Johannes würde sicher mitspielen. Für einen 14-jährigen war er manchmal erstaunlich erwachsen. Okay, dass er mich ständig mit seiner „richtigen“ Mutter vergleicht und sich sich wenig sagen lässt, macht das Zusammenleben nicht gerade einfacher. Aber nach fünfeinhalb Jahren haben wir uns doch zu einem Verhältnis zusammen gerauft, dass von distanzierter Zuneigung geprägt ist. Doch, das konnte man so sagen. Den Satz kann ich so stehen lassen. Aber egal jetzt. Schwangere sollen nicht rauchen", ermahnte sich Rebecca, warf die Zigarette weg und ging Richtung Alexanderplatz.



Milla Weyring schrie. Wieso heißt es eigentlich immer „wie am Spiess“ wenn jemand schreit? Johannes klickte auf Pause. Abballern war langweilig und das Video von Empire of the Sun im anderen Fenster gefiel ihm auch nur so mittelgut. Außerdem klang das hier gerade nicht nach einem der üblichen Wutausbrüche. Besser mal nachschauen, dachte Johannes und folgte dem Geschrei.

Milla lag im Wohnzimmer, vor der kleinen Treppe zur Terrassentür. Reno stand über ihr und stupste sie mit seiner Schnauze. Eigentlich verstand sie sich gut mit dem Neufundländer. Aber jetzt hatte sie ganz offensichtlich Angst vor dem großen Hund. „AUS, Reno, AUS!“ Reno gehorchte sofort und legte sich auf den Teppich. Wahrscheinlich hatte Milla wieder einmal versucht, auf die streng verbotene Terrasse zu kommen, die noch im Rohbau war, Reno hatte sie darin gehindert und dabei war die Kleine gestolpert. Immer dasselbe Theater.

Johannes nahm seine Halbschwester auf den Arm. „Ist doch alles gut. Jetzt, hör mal auf zu heulen. Schau, Reno liegt da ganz brav in der Ecke. Komm, wir trinken jetzt erst mal einen Kakao“. Die Kleine schluchzte noch ein wenig, dann verlangte sie nach einem ‚Plätzchen mit Bunt’. Oma Luzie hat ihr neulich das Ausstechen von Teig gezeigt und wie man mit bunten Schokostreusseln Engel und andere Figuren auf Weihnachtsplätzchen bringt. Dass Milla am Kopf blutete, sah Johannes erst, als er sie in den Kindersitz am Esstisch heben wollte.


Rolf tauchte nur langsam aus seinen Gedanken auf. Jemand hatte ihn angestupst. Ein arabisch aussehender Mann quetschte sich auf den gegenüberliegenden Sitz. Seine prallvolle Umhängetasche legte er sich sorgfältig auf den Schoß und faltete die Hände darüber. Anders als die meisten Mitfahrer war er nicht unangenehm anzuschauen. Alter etwa 36, Größe ca. 1,84, gut verteiltes Gewicht von wahrscheinlich 85 Kilo, volles, schwarzes, leicht gelocktes Haar, sauber geschnitten, gepflegter, kurzer Vollbart, schmales Gesicht, klarer Teint, schwarzer Wollmantel zu schwarzer, leicht ausgebeulter Vieltaschenhose... Insgesamt nicht unsympathisch der Kerl, aber ziemlich angespannt fand Rolf, der sich viel auf seine Beobachtungsgabe zugute hielt und oft sagte, in einem anderen Leben wäre er sicher Profiler geworden. Für Anspannung sprachen auch die Schweißperlen auf Nase und Stirn des Mannes. Aber halt. Was war das? Aus der Umhängetasche kam ein gleichmäßiges Geräusch. Da tickte etwas. Klar und deutlich.

Heilige Scheiße, ein Selbstmordattentäter, schoss es Rolf durch den Kopf. Und wie albern es wäre, irgendwo zwischen Gesundbrunnen und Westkreuz von einem radikalen Islamisten aus dem Leben gebombt zu werden. Nicht, dass ein Schlaganfall in Shanghai oder langsames Verenden an einer Herzlungenmaschine in New York wirklich glamouröser wären. Aber kurz vor Heilig Abend ausgerechnet in der Berliner Ringbahn in seine Einzelteilchen gesprengt zu werden, wie uncool wär das denn?!  Außerdem, das Leben ist schön, trotz Schulden, neuem Kind und allem. Das lässt sich doch alles  in den Griff bekommen. Plan B steht doch schon fast. Oh Gott, bittebittebitte mach, dass das nicht wahr ist! Ich will nicht sterben…

Seine Angst, der Adrenalinpegel und das Stossgebet waren Rolf fast auf der Stelle peinlich. In seinem Kopf überschlugen sich Gedanken und Flüche: Kack Irakkrieg!  verschissener Nahost-Konflikt! Gottverfluchter Taliban Terror! Schönen Dank auch, CNN und Konsorten! Araber = fundamentalistisches, fanatisches Ölaugenarschloch = Suizidsprenger für Allah… Kann doch nicht wahr sein, dass mich diese Gleichung auch schon so angesteckt hat. Andererseits, London, Barcelona, Mumbai. Genau so funktioniert Terror. Im Grunde haben die schon gewonnen…. Komm, jetzt beruhig Dich mal, alter Junge! Ist wahrscheinlich nur ein Wecker, der da in der Umhängetasche tickt! Trotzdem, hier sitzen bleiben geht nicht, geht gar nicht…

Rolf drängelte sich zur letzten Tür des Waggons durch und sprang fast auf den Bahnsteig. Storkower Strasse? Hier kannte er sich überhaupt nicht aus. Er griff zum Handy. Das hatte er vorhin offenbar ausgestellt. 12 SMS und 8 Voice Mails. Die neueste SMS war von Johannes, abgeschickt vor fünf Minuten: „Bin mit Milla unterwegs zur Notaufnahme der Charité; nichts Schlimmes, nur so zur Sicherheit...“


Dieselbe Nachricht erreichte Rebecca in unmittelbarer Nähe eines Glühweinstandes. Vor Schreck geriet sie ins Schwanken, suchte Halt an einem Stehtisch, warf dabei gleich mehrere Glühweinbecher um, und wurde prompt von mehreren Seiten angeraunzt. „Keene Oogen im Kopp, wa? Achtung Achtung, Madame Tolpatsch is soeben in Zone Rot jelandet! Die Flecken krieg’ick doch nie wieder raus. Nee nee nee Madamchen, nu mal nich so schnell hier. Dit kostet!“

Rebecca nestelte einen Fünfzig-Euro-Schein aus ihrem Portemonnaie, warf ihn auf den Stehtisch und rannte los, Richtung Taxistand. Statt abfahrbereiter Autos fand sie dort jedoch nur einen Bauzaun, geschätzte 150 Christbäume und ein Plakat, auf dem stand, dass der Taxistand umgezogen war. „Herrje, wie komm ich jetzt am schnellsten zur Charité? Auf diesen blöden Hackeln zu den Taxen am anderen Ende des Platzes? Keine gute Idee. Zumal die Taunässe schon wieder überfroren ist. S-Bahn? Auch zuviel Gestöckel. Außerdem fahren die zur Zeit nicht regelmäßig. Berliner Nahverkehr, pah! Im nächsten Jahr schaffen wir wieder ein Auto an, oder zwei, das steht mal fest! Ökologie hin oder her. Wieso hab ich eigentlich keine Winterschuhe angezogen? Verdammt! Rebecca überlegte fieberhaft. Gab es da nicht diesen Flughafenbus? Hoffentlich hat der jetzt nicht auch eine Ersatzhaltestelle, irgendwo jotwede…“

Gleich nach dem Einsteigen in den TXL versuchte sie noch einmal, Johannes zu erreichen. Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar. The person you’ve dialled is temporarily unavailable. Rebecca stöhnte und presste ihre Stirn gegen die Fensterscheibe. Milla, liebe kleine Milla! Nie würde sie sich verzeihen, wenn ihr etwas Ernstes zugestoßen ist. Nichts Schlimmes, hatte Johannes gesimst. Aber was wusste der schon?

Vor ihr telefonierte ein junger Mann. Laut, vernehmlich und mit hartem  amerikanischen Akzent: „Dreimal umsteigen, vier Stunden Aufenthalt allein in Atlanta/Georgia… Aber so was von… Hab ich meiner Mutter ja auch gesagt. Ich so, Mom, das ist doch ein unfassbarer Aufwand für eine so leere Tradition. Und sie so, mag ja sein, aber wenn Du nicht auftauchst, wird Oma nicht amüsiert sein, wenn Du verstehst, was ich meine. Und dann kommt Dad ans Telefon, sagt, er hätte in Tegel ein Ticket für mich hinterlegen lassen. Weil wenn ich meinen Hintern dieses Jahr wieder nicht nach Cedar Falls bewege, wär das nicht nur schlecht fürs Karma, sondern auch für unser aller Erbe…“

Die grell geschminkte Frau gegenüber setzte nun bereits beim dritten Anrufpartner dieselbe Bitte ab: „Pennymarkt hat Windeln im Sonderangebot, könnste mir wohl zwei, drei  Pakete mitbringen? Nich geschenkt, natürlich. Aber ich muss Sparen, dass die Schwarte kracht…“

Seid doch einfach still, alle miteinander! Im letzten Moment hielt sich Rebecca davon ab, den Nagel ihres rechten Zeigefingers abzubeißen. Johannes war weiterhin nicht zu erreichen.


„Ich hab Dir doch schon dreimal gesagt, dass Handies hier verboten sind! Zum telefonieren musst Du raus gehen, junger Freund!“ Jetzt hatte ihn die Krankenschwester schon wieder beim Einschalten erwischt. Johannes Laune sank im Sekundentrakt. Das würde Ärger geben. Aber Milla hier allein zu lassen, kam auch nicht in Frage. Eigentlich süß, wie sie da so saß und die Verletzten um sie herum mit großen Augen anstarrte. Blutige Stirnwunden, aufgerissene Beine, komisch abstehende Arme. Schaurige Gestalten darunter. Gegen deren Probleme war Millas kleine Wunde wahrscheinlich tatsächlich so belanglos, wie der Notarzt vorhin mit flüchtigem Blick festgestellt hatte. Den Kopf röntgen wir später aber sicherheitshalber noch, hatte er gesagt.

Die beiden Penner auf den Nachbarstühlen unterhielten sich angeregt. Irgendwo in Berlin gab es wohl eine Sozialstation namens „Warmer Otto“, wo man als Obdachloser tagsüber heisse Getränke und Essen bekam. Das war Johannes neu, also hörte er genauer hin: „...Und dann steht plötzlich die ganze Strasse voll mit dicken Harley Davidsons, auf denen lauter Weihnachtsmänner sitzen. Hells Angels oder so, alle in diesen roten Anzügen, komplett mit Mütze, Rauschebart und breitem Gürtel; wrummwrummm, echt satter Sound und viel Geblinke, feines Spektakel das! Ruckzuck hängt alles an den Fenstern und Balkonen. Da hatten sie mal was zu gucken, die braven Bürger! Na, jedenfalls stand zwischen den ganzen Maschinen auch ein alter VW Bus, so als riesige Geschenkschachtel aufgemacht. Aus dem haben dann drei oder vier Jungs  mengenweise Pakete in den Warmen Otto getragen, und die auf den Harleys gaben mächtig Gas und brüllten Hohoho dazu. Nach vier Minuten war der ganze Spuk vorbei und danach war die Stille irgendwie stiller als vorher…“.


Der Taxifahrer pfiff vor sich hin, fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit in die falsche Richtung und ignorierte Rolfs Einwände ebenso ausdauernd wie Vorfahrtsregeln. Als er schließlich vor einem Krankenhaus in Moabit  hielt und sich stolz „Ziel iste angelangt!“ radebrechend zu Rolf umdrehte, hatte der keine Worte mehr. Er warf eine Handvoll Eurostücke auf den Vordersitz und stieg schweigend aus. Im nächsten Taxi gab er als Ziel „Mitte, zwischen Hauptbahnhof und Hannoverscher“ an. „Is jebongt, Meister“, meinte der Fahrer, „aba wohin wollen’se denn jenau? Notaufnahme Scharitee?! Denn fahr’n ma lieba Schleichwege. Invaliden is dicht …“

Im Autoradio lief deutscher Schlager. „Du hast mich 1000 Mal belogen“, sang eine Frau mit schwülstigem Timbre, der Fahrer sang leise mit. Rolf fühlte sich ertappt. Spätestens morgen würde er mit Rebecca reden und blank ziehen. Zumal die Nachrichten vielleicht gar nicht durchgängig schlecht sein würden. Eine der Voice Mails vom Nachmittag war von seinem Steuerberater, der eine Rückzahlung des Finanzamts in Aussicht stellte; eine andere von Fischbacher & Stollte. Man habe da ein Angebot, das er einfach nicht ablehnen könne. Die Headhunter waren also schon auf seiner Spur. Na, mal sehen. Das Wichtigste jetzt war Milla. Hauptsache, sie hatte sich nichts Ernstes getan!


Rebeccas Absätze klackten laut, als sie endlich die richtige Abzweigung zur Notaufnahme nahm. Milla und Johannes waren nirgendwo zu sehen. „Nun mal ganz ruhig, junge Frau, das haben wir gleich“, meinte die Krankenschwester am Empfang und tippte auf der Tastatur herum. „Weyring mit Wee oder Vau?" „Mit Wee!“ Rebecca biss nervös auf ihren Fingern herum. Mist, jetzt hatte sie sich den rechten Zeigerfingernagel doch abgerissen. „Die sind gerade im Behandlungsraum 3. Jetzt setzen Sie sich erstmal hin und beruhigen sich…“ Sie ging folgsam zum nächstbesten Plastikstuhl. Streifte ihre Schuhe ab, ohne Nachzudenken. Wie mühselig die Strecke vom Bahnhof hinüber zur Charité gewesen war, merkte sie erst jetzt. Ein echter Hindernislauf. Baustellen und Absperrungen überall, und dazu reihenweise angetrunkene Touristen, die Glühwein-beseelt jedem Passanten „Merry Christmas“ zuriefen.

„Mamiiii….!“ Rebecca springt auf. Läuft Milla und Johannes auf Strümpfen entgegen, fällt auf die Knie und nimmt ihre Tochter fest in die Arme. Ein kleines Pflaster am Kopf. Mehr ist nicht zu sehen. „Menschenskind, Joey! kann man Dich nicht mal einen Nachmittag alleine lassen…?!“ Rebecca holt tief Luft und will weiter schimpfen als ein Arzt auf sie zu kommt. „Nur eine Platzwunde. Keine Stiche nötig. Da wird nichts zurückbleiben“, sagt er und nimmt sich kaum Zeit zum Stehenbleiben. „Ach ja, und frohe Weihnachten für Sie! Hey Schwester Ingeborg, sorgen Sie doch mal für ein bisschen Stimmung hier. Hier ist eine CD…“

Als Rolf ein wenig außer Atem in den Gang zur Notaufnahme einbiegt, hört er leisen Gesang. Das Bild, das sich ihm dann im Warteraum bietet, ist so friedlich, dass er es kaum glauben kann. Da summen verletzte und unverletzte Menschen ein Weihnachtslied vom Band mit, dessen Melodie fast jeder und dessen Text fast niemand kennt. Egal ob auf Lateinisch oder Deutsch. Adeste Fideles – Herbei all Ihr Gläubigen. Und mittendrin seine Familie. Milli hockt auf dem Boden und spielt mit Schuhen. Rebecca und Johannes unterhalten sich mit einer Koptuchtürkin. Fast alle, auch die Krankenschwestern und Pfleger nehmen und knabbern die Lebkuchen, die ein Penner verteilt.

Frohlocket, frohlocket ihr Seligen...Find ich ein bisschen übertrieben, denkt Rolf. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Klagen auf hohem Niveau. Jetzt ist einfach mal Weihnachten! Und der Rest wird sich einrenken, irgendwie.

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