Wanhua



"Nehmt doch die großen Hama-Muscheln in Ingwerbrühe", meint Herr Wu, der in der Nähe der Opernschule ein Seafood-Restaurant betreibt, "das passt besser…."

Freund Aliu, ein Gourmet von eigenen Gnaden, lässt sich zwar nur ungern widersprechen, aber Herr Wu hat gute Argumente. Nach etwa 10 Minuten ist unser Menü aus dem, auf Bröseleis und in großen Wasserbecken präsentiertem fast fangfrischen Tagesangebot zusammengestellt. Bei aller cool-Tuerei freut sich auch Aliu halb scheckig auf das Essen und wippt schon ungeduldig in seinen neuen Schuhen (…maßgeschneidert; ein echtes Schnäppchen, bloß 850 US Dollar …)


Drinnen im Lokal ist die Klimaanlage so kalt, dass wir uns lieber an einen der niedrigen Bambustische draußen am Straßenrand hocken. Wie Herr Wu die Moped- und Motorrollerfahrer davon abhält, ihm diese Fläche so undurchdringlich voll zuparken wie alle anderen nebendran, fragen wir nicht. Wahrscheinlich besticht er die Polizei, damit die regelmäßig abschleppen lässt. Oder er streut immer wieder Reißzwecken und Nägel.


Abwegig ist dieser Gedanke nicht. Denn im Wanhua-Distrikt ist die Zeit ein bisschen stehen geblieben. Die futuristischen Gestaltungsbemühungen der Stadtplaner greifen nicht so recht, und auch im Bereich öffentlicher Ordnung kommt der Bürgermeister hier in der Altstadt nicht wirklich voran. So hat er bereits etliche Male versucht, die zahlreichen kleinen Bordelle und Barber Shops schließen zu lassen; hat den Nutten sogar Überbrückungshilfe angeboten, aber genutzt hat auch das nichts. Die einzigen deutlichen Veränderungen sind die großzügig gestaltete U-Bahnstation am Longshan Tempel, die Überdachung der Schlangengasse und die Vertreibung der Fake-Anbieter.

Was natürlich nicht bedeutet, dass man gefälschte Baume&Mercier-, Rolex-, Ferragamo-, Gucci oder Prada-Produkte nicht mehr bekäme. Schließlich sind wir in Taipei. Man muß halt einfach fragen, worauf hin man um ein paar Ecken herum in einen Hochhaus-Aufzug geführt wird, und dann in eine Wohnung, die gepackt voll ist mit Nachgemachtem. Inzwischen faked man allerdings nicht mehr selbst, sondern lässt die Falschmarkenwaren auf dem chinesischen Festland fertigen. Bezahlt wird bequem mit Amex, Master- oder bei Kleinbeträgen mit der universellen Geldkarte, die man hier 'youyou ka' nennt.

Der mit beneidenswert tadellosen Zähnen lächelnde Herr Wu trägt eine lange Baumwollbundfaltenhose mit einem Calvin Klein-Schild, auf seinem kurzärmeligen Hemd steht Ralph Lauren; die Schuhe sehen aus wie Todds. Könnten Fakes sein, müssen aber nicht. Denn Wus Restaurant brummt, und das, wie Freundin Ningbo berichtet, schon in der zweiten Generation.

Tatsächlich schlurft zwischen Küche, Gastraum und Straßentischen ein alter Mann herum, der Herrn Wu sehr ähnelt, aber so aussieht, wie früher alle Männer in Wanhua aussahen: Tiefschwarz gefärbte Haare, ein paar Goldstifte zwischen den, vom Betelnuss-Kauen braun verfärbten Zahnstummeln; kniekurze Schlabbershorts, darüber ein hauchdünnes weißes Hängehemdchen und an den Füßen Gummischlappen von der Sorte, die man anderswo Flip-Flops nennt.

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