Sinnsuche mit Martha

Eremit sein ist gerade sehr schick. Einfach für ein paar Tage ins Kloster gehen kann ja Jeder. Zähere Leute aus der Werbebranche, den Medien und Kultur bastelnden Kreisen schaffen das inzwischen auch schon mal für 3 Monate.

Martha kommt aus Cedar Rapids/Iowa, wohnt schon viel länger hier als ihr gut tut und ist stets auf der Suche nach spiritueller Anleitung. Nach ca. 12 Jahren in Taiwan kann sie immer noch nicht richtig Chinesisch, eigentlich kann sie es gar nicht. Das hätte sie bis vor kurzem niemals zugegeben.

Martha gehört nämlich zu den Leuten, die selbstbewusst genug durchs Leben gehen, jedes noch so alberne Kompliment ernst zu nehmen. Und weil man in Taiwan selbst für das halbwegs fehlerfreie Bestellen eines Bieres gesagt bekommt, dass man aber ganz, ganz toll Chinesisch könne, glaubte Martha eben, dass sie ganz, ganz toll mit den Einheimischen kommunizieren kann.

Marthas einheimische Bezugsgruppe besteht aus einem Haufen von Architekten und Designern aller Geschlechter, die sich vor etlichen Jahren beim Studium in New York kennen gelernt haben. Wenn sie gerade mal nicht Englisch miteinander reden, ist garantiert jemand dabei, der für Martha übersetzt. So war es auch samstags immer, wenn sich die Truppe von einem „Shifu“ spirituell anleiten ließ. Jeden Samstag. Für umgerechnet etwa 200 Euro pro Nase und Monat.



Über den Shifu geht nichts. Der ist nämlich so erleuchtet, dass er saufen und herumhuren kann, ohne spirituellen Schaden zu nehmen. Um Haus und Hof muss er nicht kümmern; das erledigen ein paar Frauen, die als Nonnen posieren -- komplett mit kahlgeschorenem Kopf und buddhistischer Tracht. Und wenn Shifu beim Predigen mal ein wenig lallt oder jemandem zwischen die Oberschenkel packt, finden das Alle lustig und einen neuerlichen Beweis für die gelassene Überlegenheit des erleuchteten Geistes.

Irgendwann reichte es Martha nicht mehr, sich von den samstäglichen Lehren des Shifu durch die Woche tragen zu lassen. Sie wollte immer ganz nah bei ihm sein und so kam es, dass sie sich eines Tages den Kopf kahl scheren ließ, in die Nonnen-Tracht stieg und zum Shifu auf den Hof zog. Dort kam es dann zu "Kommunikationsschwierigkeiten" -- so die offizielle Umschreibung von Marthas Scheitern als Erleuchtungs-Aspirantin:

Martha verstand maximal ein Achtel aller an die gerichteten Anweisungen und der daraus resultierenden Beschimpfungen. Auch die abendlichen Erbauungspredigten gingen weitgehend an ihr vorbei. Ihre Frustration stieg quasi im Stundentakt. Daß auf dem Weg zu höheren Einsichten und gelassenem Gemüt auch Stationen liegen wie Schweine füttern, Autos polieren und Fellatio am Shifu, das konnte sie noch einsehen. Nicht aber, dass sie (wie ihr am ersten Samstag ihres zweiten Monats durch ein Mitglied ihrer englisch sprachigen Bezugsgruppe mitgeteilt wurde) dem heiligen Mann ab sofort 500 Euro Miete für das ca. 3x3 Meter große Nonnen-Kabuff zahlen müsse.

Inzwischen sind Marthas Haare wieder etwa 6 cm lang. Sie wohnt wieder in ihrer geschmackvoll mit chinesischen Antiquitäten eingerichteten Wohnung, wo sie viel nachdenkt. Zum Beispiel darüber, ob sie nicht als Eremitin auf einen bestimmten Berg in Zentraltaiwan ziehen soll. Dort hätten sich bereits ein paar Englisch sprechende Sinnsucher niedergelassen, so hört man. Im eremitischen Notfall wären in den Nachbarbergen also durchaus Ansprechpartner zu finden. Eine Liste mitzunehmender Gegenstände von Axt bis Zellstofftücher hat sie sich jedenfalls schon mal aus dem Internet herunter laden und übersetzen lassen.


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