Schuhe und andere Extremitäten


Schuster Liu hat jetzt fast gar keine Beine mehr. Vor zwei Jahren hatte er immerhin noch gute eineinhalb. Seinerzeit hatte er erzählt, dass ihm der linke Unterschenkel als ganz junger Mann im Krieg gegen die Kommunisten abhanden gekommen war. Wundbrand, irgendwo im ärztelosen Hinterland, und da habe das rottende Fleisch eben weg gemusst. Nach Taiwan hatte er sich dann mit einer selbst gemachten Holzprothese durchgeschlagen.

Der alte Liu betreibt seine Werkstatt in einem schäbigen Wellblech-Verschlag, der an einer kleinen, aber stark befahrenen Gasse im Xinyi-Distrikt liegt. Auf dem selbst gebastelten Hinweisschild, das er zwischen die schick blinkenden Neonreklamen der Boutiquen, Cafes und Friseure gemogelt hat, steht in dicken, weißen, eher ungelenk gepinselten Zeichen "Schuhreparaturen. Gut und günstig". Und das ist nicht gelogen.

Schuster Liu versteht sein Handwerk, das weiß hier im Viertel Jeder und nicht nur hier. Etliche KundInnen kommen sogar quer durch die Stadt, um sich ihre Schuhe traditionell und anständig von Hand weiten, sohlen und be-absatzen zu lassen.

Erfolg aber macht Feinde, auch in Schusterkreisen. Angeblich war es nämlich gar nicht so, dass Herr Liu ein bisschen über den Durst getrunken und dem Motorradfahrer einfach vor die Karre gelaufen war. In Wirklichkeit soll der Unfall, der Liu seinen rechten Unterschenkel kostete, vom vollautomatisierten Franchise-Schuster aus der Nachbargasse bestellt und bezahlt worden sein...

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