Neubau


Die alte Bäuerin schüttelt noch einmal Arme und Beine, atmet langsam aus, trinkt einen Schluck Gatorade. Dann setzt sie sich auf einen blauen Plastikhocker und starrt ausdruckslos in die Gegend.

Vor ein paar Jahren sah sie da geradeaus auf Reisfelder, ein bisschen rechts davon auf eine Ansammlung von Gräbern, und weiter hinten die nebelverschleierten, bis obenhin mit prallem Grün bewachsenen Berge. Heute stehen dort vier 20-geschossige Wohnhäuser.

Glaubt man der Fernsehwerbung der Baugesellschaft, die in dieser Gegend noch sechs weitere Wohntürme und ein kleines Einkaufszentrum errichten will, wird die alte Frau ihre morgendlichen Leibesübungen bald in einem von britischen Landschaftsgärtnern angelegten Park machen können.

Schwer zu sagen, ob sie ihren lebenslang gewohnten Ausblick vermisst. Wahrscheinlich ist die Alte durch Landverkauf längst Millionärin oder zumindest wohlhabend geworden. Immerhin stehen neben der vergammelten Haustür aus rotem Holz, vor der sie hockt, ein neuer, sehr fetter Mercedes, Nissans niedlichere und formschönere Variante des Smart, sowie ein Audi TT.

Wird schon so sein, dass die Familie zu Geld gekommen ist. Und das sie traditionell genug ist, nicht nur zu den Neujahrsfeierlichkeiten gemeinsam bei Mama zu übernachten. Fremden jedenfalls gehören die teuren Import-Wagen nicht. Denn die nächstgelegenen drei Bauernhäuser sind leer und spiegeln sich zerfallend in den unwirtlich-unbewohnten, gläsernen Hochbauten…

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