Lao Wang und der freie Wille

Lao Wang möchte vorbereitet sein für den Entscheidungsfall schneller Tod vs. Siechtum. Nicht dass er krank wäre. Aber als starker Raucher, harter Trinker und bekennender Nichtsportler "…muss ich mit Darm-, Lungen- und Kehlkopfkrebs doch ebenso rechnen wie mit Leberzirrhose und anderen Unerfreulichkeiten", lacht Lao Wang, "das muss man mal ganz realistisch sehen. Und so verenden wie meine Schwester will ich nicht."

Anfang der Nullerjahre hatte Lao Wangs Schwester wohl rund 17 Monate zum Sterben gebraucht. „Familienratsbeschluss halt. Anschluss an lebenserhaltende Apparate. Die haben sie durch wirklich alle Phasen von Würdelosigkeit getrieben...", berichtet er seufzend und gießt sich den zweiten Cognac ein.

Als schwarzes Schaf habe er natürlich kein Sagen gehabt in dieser Angelegenheit. Über ihn jedenfalls soll kein Bruder oder Schwager entscheiden können, und seine Mutter schon gar nicht. "Schlimm genug, dass sie mich in diese Ehe mit Amei getrieben hat und diesen Job. Ja SCHEISS doch auf kindliche Pietät!!! Aber mein Ende, hey, wenigstens das will ich selbst bestimmen..."

Also hält er Selbstötungsspritzen auf Vorrat. Im Büro. Daheim sei das Risiko zu groß. Zwar hat sich Lao Wang einen eigenen 3-Zimmerbungalow aufs Dach setzen lassen, während seine Frau Amei das gesamte Erdgeschoss für sich hat. Jetzt liegen acht Etagen und noch mehr Welten zwischen ihnen als früher, aber "…ich bin mir sicher, dass sie die philippinische Putzfrau spionieren lässt. Wenn sie meine Sachen nicht gleich selbst regelmäßig durchwühlt. Und als Junkie möchte ich mich nicht auch noch hinstellen lassen müssen", krächzt er und greift wieder zum Hennessy.
Lao Wang und Amei haben vor etwa 10 Jahren ein einfaches Arrangement getroffen: Getrennte Wohnungen unter derselben Adresse, getrenntes Leben, aber keine Scheidung. Bei Familienfeiern und offiziellen Anlässen treten sie als Paar auf, ansonsten vermeiden sie den Kontakt miteinander. Dafür erhält Amei derzeit monatlich rund 3.000 Euro Taschengeld und einen Bonus alle 6 Monate. Der Unterhalt für ihre verzogene, zickige, Vati-hassende 14-jährige Tochter geht extra.

Den so genannten Morphin-Cocktail lässt er sich einmal pro Jahr von einem befreundeten Oberarzt aus dem Chengong Memorial-Krankenhaus gegen Frischware austauschen. Selbstmord gefährdet sei er ja nicht, trotz allem. „Obwohl man bei diesem Karma auf die nächste Runde Leben schon gespannt sein könnte“, meint Lao Wang und lacht.

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