Interkultur am Nachtmarkt

Die amerikanische Touristin gehört offenbar zur neugierigeren Sorte. Während die anderen Mitglieder ihrer Reisegruppe zu einem Knubbel gedrängt, ihre Taschen und Kameras ängstlich an den Körper pressend durch das Nachtmarktgewusel eilen, bleibt sie immer wieder stehen, um sich das kreischend feilgebotene, hellstens ausgeleuchtete Warenangebot genauer anzuschauen.

Bei einem Stand, der an die 50 verschiedene Vibratorenmodelle anbietet, verharrt sie mit andächtigem Staunen. Käme da nicht der mittelalte, chinesische Gruppenleiter, der sie mit einem "…now, that's disgusting…" energisch am Arm packt und weiter zieht, stünde sie da sicher noch ein Weilchen.

Tatsächlich sind einige der Vibratoren von skurriler Hässlichkeit. Der riesige glatte, in graublauem Delfindesign zum Beispiel hat an der Eichelimitation ein freundliches Flipper-Grinsen aufgemalt. Der in Babydurchfall-Gelbbraun ist etwa 12 cm lang, stark geriffelt und genoppt und nur wenig dicker als ein durchschnittlicher Männer-Mittelfinger

Die Amerikanerin heißt Amy. "Hi, I'm Amy" sagt sie, als sie uns anspricht, und fragt, ob man denn hier auf der Strasse einfach so essen könnte, ohne sich eine Hepatitis oder Schlimmeres einzufangen. Wir bieten ihr ein Stückchen von dem Squid an, den wir uns gerade an einer der zahllosen, mobilen Garküchen haben grillen lassen.

Sie zögert ein wenig, mustert uns noch mal von oben bis unten. Aber wir sehen gesund aus; zwei von uns sind erkennbar Kaukasier und außerdem riecht der Tintenfisch einfach verlockend gut. Sie greift also zu. Kaut erst ganz zurückhaltend. Vorsichtig und auf schnelles Ausspucken programmiert. Dann kaut sie richtig und beginnt zu strahlen. Das sei ja mal was wirklich Leckeres! Da habe sie bisher ja wirklich was verpasst... Sie will noch mehr sagen (und essen), aber da kommt schon wieder der Gruppenleiter und zerrt sie fort…

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