Deutsche Eichen

Genau unterhalb des Blumenkohls am Ende des Hauptgangs liegt ein Mann verkrümmt am Boden. Er bewegt sich nicht. Neben ihm steht, mit verschränkten Armen und extrem angeekeltem Gesichtsausdruck, die Supermarktleiterin.

"Alkohol, Drogen, was weiss ich...", sagt sie auf Anfrage, und dass sie bereits die Polizei gerufen hätte. Krankenwagen wäre vielleicht sinnvoller gewesen, meine ich. "Reine Verschwendung für sonne Subjekte..." mischt sich eine Verkäuferin ein, und dass Mitleid völlig unangebracht sei. Sie sähen sowas alle Tage, und die Polizei regele das immer bestens.

Ich schaue schnell nach, ob der Mann nichts im Hals hat und atmen kann. Kann er, und langsam kommt auch wieder ein wenig Bewegung in den Körper. Die Supermarktleiterin sagt, ich solle mir doch nicht den "schönen Einkauf" verderben lassen, dann verabschiedet sie sich, schließlich habe sie noch Besseres zu tun.

Plötzlich kommt eine drahtig-durchtrainierte Frau in den Laden gerannt. Sie drängt mich ab, zieht den Mann hoch in eine Sitzposition, schlägt ihm einige Male ins Gesicht, bringt ihn auf die Beine. Sie hängt sie sich den Mann seitlich an den eigenen Leib und schleppt ihn Richtung Ausgang. Dabei wirkt sie sehr routiniert.

Alle zwei Schritte greift sie energisch nach, zieht den Mann von der Taille hoch in eine halbwegs aufrechte Position. Dabei spricht sie ruhig auf ihn ein: "Dieter, reiß Dich zusammen! Mach Dich gerade! Dieter. Du bist die deutsche Eiche!"

Draußen fährt ein Kleintransporter der Polizei vor. Die Frau wird sichtlich nervös. Ihre Stützgriffe sitzen nicht mehr richtig. Der Mann schlingert wie eine sehr schwere Gummipuppe. "Dieter, Deutsche Eiche...", ruft sie jetzt drängend und beinahe flehentlich.

Zwei Polizisten betreten den Laden. „Ach nee, guck an", grinst der jüngere der beiden, "alles klar, Gerti? Na dann woll'n wir mal...“. Die Ordnungshüter nehmen Dieter zwischen sich und bugsieren ihn fast zartfühlend zum Einsatzwagen. Gerti folgt schweigend, mit gesenktem Kopf. Sie sieht müde aus.

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